Die Wikinger

 

*Die Wikinger*

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Wer waren die Nordmänner und woher kamen sie?

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*Die Gefahr aus dem Norden*

"Gibt es irgendwo einen Mann, König oder Prinz, zu Land oder zu Wasser, der so kühn ist wie wir ? Niemand wagt es, sich mit uns Schwert gegen Schwert zu messen. Mögen wir im Recht oder im Unrecht sein. Ackermann und Kaufmann, Reitersmann und Schiff, sie alle weichen vor uns."

 

 

Mit diesen Worten prahlte ein Wikingerhäuptling, als er im Jahre 866 die Segel setzte, um mit seinem Heer von tausend Kriegern einen Großangriff auf England zu unternehmen. Er war Däne und hatte den historisch überlieferten Namen Ivar ohne Knochen, vermutlich weil er ungeheuer gelenkig war. Auf jeden Fall war er kein Mann, der leere Sprüche machte. Ein Großteil Europas lebte damals in Angst vor diesen seefahrenden Plünderern, die mit ihren prächtigen Schiffen plötzlich aus dem Norden auftauchten und alles überrumpelten.

Die Raubzüge der Wikinger hatten ungefähr 80 Jahre zuvor eingesetzt. Es waren blitzartige Überfälle: Aus dem Dunst über der See tauchten plötzlich ein paar Schiffe voll dieser hünenhaften, kraftstrotzenden Männer auf. Sie plünderten, soviel sie wollten, und erbarmungslos schlugen sie jeden Widerstand nieder. Auf dem Wasser verschwanden sie dann wieder ebenso schnell, wie sie gekommen waren. Ivar ohne Knochen strebte jedoch nach Höherem: Er wollte England erobern und das fruchtbare, gut bewässerte Land besitzen.

Ivar schiffte sich mit seinen Männern und ihren Waffen ein, und die Flotte von Drachenschiffen segelte drei Tage lang über die Nordsee. Als er an der Küste von Kent landete, unternahmen die eingeschüchterten Landesbewohner den verzweifelten Versuch, sich von den Wikingern den Frieden zu erkaufen. "Und das Volk von Kent versprach ihnen für diesen Frieden Geld", berichteten die zeitgenössischen Geschichtsschreiber in der Angelsächsischen Chronik. "Und unter dem Deckmantel dieses Friedens brach die Wikingerarmee nachts heimlich in das Landesinnere auf und verheerte den ganzen Osten Kents, denn sie wußten, daß sie durch heimlichen Raub mehr Geld erbeuten würden als durch den Friedensvertrag."

Dann marschierten die Wikinger nach Norden, um das damals von einem Bürgerkrieg zerrissene northumbrische Königreich York anzugreifen. Zu spät entschlossen sich die rivalisierenden Könige von York, den Streit aufzugeben und mit vereinten Kräften die Nordmänner zuvertreiben. "Unter den Northumbriern wurde ein entsetzliches Blutbad angerichtet, und beide Könige wurden getötet", klagte die Chronik.

Nachdem die Wikingerhorde in Mittelengland ihr Unwesen getrieben hatte, überwinterte sie in Nottingham: Im Frühjahr des Jahres 868 zog sie sich nach Ostanglien zurück. Dort besiegten Ivar und seine Männer noch einen König, den sie grausam folterten und schließlich töteten. Es war der beliebte Edmund von Ostanglien, ein frommer Christ, der später von der katholischen Kirche für seinen edelmütigen Kampf gegen die Heiden heiliggesprochen wurde.

Der Flut der Wikinger wurde schließlich von König Ethelred von Wessex und dessen Bruder Alfred - später wurde er Alfred der Große genannt - Einhalt geboten. Allerdings hatten sie schon mehr als die Hälfte Englands erobert, dessen Bewohner unterworfen und das Land unter sich aufgeteilt.

Zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert, als die Wikinger ihre große Zeit hatten, wiederholten sich Eroberungen wie die Ivars ohne Knochen noch unzählige Male. Die aus Dänemark, Schweden und Norwegen hervorbrechenden seefahrenden Krieger eroberten einen Großteil der Britischen Inseln. Sie plünderten die Küste Frankreichs, stießen ins Landesinnere vor, belagerten Paris und vertrieben die fränkischen Lehnsherren aus der Normandie. Auf den großen Strömen Mitteleuropas drangen die Wikinger nach Süden vor, sie überwältigten die Slawen in Rußland, nahmen Kiew ein und stießen bei Konstantinopel, der großen Hauptstadt des Byzantinischen Reichs, mit den Griechen zusammen.

Und bei all ihren Eroberungszügen brachten die Wikinger eine ungeheure Beute an sich. Sie waren aber weitaus mehr als Barbaren, die sich mit Raub und Brandschatzung zufriedengaben. Ebenso schlau und intelligent wie mutig und kraftvoll waren sie auch als Städtebauer und Staatengründer, Dichter und Gesetzgeber. Außerdem waren die Wikinger noch hervorragende Händler, und sie unternahmen kühne und ausdauernde Entdeckungsfahrten, auf denen sie sich sogar über den Atlantik wagten. Seit dem Goldenen Zeitalter des Römischen Reiches hat kein Volk das Abendland so nachhaltig durch seine Eigenart und seine Taten geprägt wie die Wikinger.

Wie es bei Geschichten, die Jahrhunderte nach den tatsächlichen Ereignissen zu Papier gebracht wurden, nicht anders zu erwarten ist, sind die Sagas an vielen widersprüchlichen und zweideutigen Stellen nicht stichhaltig und voll verwirrender Unklarheiten. Oft hatten die Autoren die Angewohnheit, sich gerade über dramatische Höhepunkte provozierend knapp und sachlich zu äußern. Dennoch bleiben die Sagas nach wie vor die zuverlässigsten Quellen für die Wertvorstellungen der Wikinger und ihre Anschauungen über Helden und Bösewichte. Die Ergebnisse archäologischer Untersuchungen haben die Berichte der Sagas und die Erzählungen in den christlichen Chroniken zum Teil bestätigt.

Bei Anbruch des 9. Jahrhunderts, der Zeit ihrer ersten Überfälle auf die englischen Küstengebiete, waren die aus Skandinavien hervorbrechenden Wikinger im wesentlichen noch ein einziges Volk, in dem sich damals kaum die Aufspaltung in die Nationen Norwegen, Schweden und Dänemark abzeichnete. Sie sprachen alle eine Sprache: Altnordisch. Auf isolierten Bauerngehöften - für gewöhnlich in der Nähe eines Gewässers - führten alle das gleiche harte Leben. Sie verehrten dieselben Götter, und ihre Barden verherrlichten in ihren Gesängen dieselben kriegerischen Vorfahren.

Sie stammten direkt von den germanischen Stämmen ab, die sich zwischen dem 1. und dem 5. nachchristlichen Jahrhundert über den ganzen europäischen Kontinent ausbreiteten und das Römische Reich zu Fall brachten.

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Nach einer weitverbreiteten Legende sollen die Wikinger mit riesigen, gehörnten Helmen in die Schlacht gezogen sein, deren Anblick ihre Gegner in größten Schrecken versetzte. In Wirklichkeit haben die Krieger diesen Kopfschmuck nie ( im Kampf) getragen. Diese Helme gehen auf die Bronzezeit in Skandinavien zwischen 1800 und 500 v. Chr. zurück;!!! Weit VOR den Wikingern!!! Sie waren den Reichen und Vornehmen vorbehalten und wurden nur für zeremonielle Zwecke verwendet. Die VORFAHREN der "Wikinger" trugen sie bei rituellen Anlässen und bei der Götterverehrung. Wenn sie sich für den Kampf rüsteten, setzten die Wikinger kegelförmige Kappen aus Eisen oder Leder auf oder verzichteten auf eine Kopfbedeckung.

Noch ältere Vorfahren der Nordmänner lassen sich bis 6000 v. Chr. zurückverfolgen. Damals verkehrten Männer und Frauen mit primitiven Ruderbooten zwischen den 600 dänischen Inseln, drangen in die tiefen, schmalen Fjorde vor, die das Meer in die schroffen Gebirge Norwegens eingeschnitten hat, und befuhren die Tausende von Seen und Flüssen, die Schweden durchziehen. Diese Menschen waren Nomaden, die von einem Jagdgrund zum anderen zogen; vermutlich entfernten sie sich von der Küste, um Seehunden, Delphinen und Walen nachzurudern.

 

Zwei Jahrtausende später schlossen sie sich im Zuge einer neuen Völkerwanderung Menschen an, mit denen sie seßhaft wurden, Ackerbau trieben und in dauerhaften Behausungen lebten.

Ihre Grundnahrung Fisch beschafften sie sich noch immer mit dem Boot. 1500 v. Chr. beluden sie ihre Boote bereits mit Werkzeugen aus Feuerstein und mit - zum Teil zu Schmuckstücken verarbeitetem - baltischem Bernstein und wagten sich bis nach Irland und England vor, um Gold, Kupfer und Zinn einzutauschen.

Aus dieser Zeit hat man zwar keine seetüchtigen Schiffe gefunden, aber auf den Britischen Inseln wurden solche Gegenstände, die zweifellos skandinavischen Ursprungs sind, ausgegraben.

Die Entstehung des wikingischen Selbstbewußtseins beruht auf einem Paradox. Das Meer und die Fjorde regten einerseits sie Skandinavier seit undenkbaren Zeiten an, Boote zu bauen, zur See zu fahren und den Kontakt mit anderen Völkern zu suchen, andererseits waren sie für die Ausbildung ihres Separatismus und Regionalstolzes verantwortlich. Ihr Leben auf isolierten Landflecken, wo sie einem kargen, mit Felsbrocken übersäten und auch häufig gefrorenen Boden ihren Lebensunterhalt abrangen, führte dazu, daß sie einen stolzen Unabhängigkeitssinn und innerhalb der Gemeinden ein grimmiges Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelten.

Auf einem Wikingerhof wurden - als Ergänzung zu der Nahrung aus dem Fischfang - Hafer, Gerste, Roggen und Kohl angebaut; man hielt Gänse, Rinder, Ziegen, Schafe und Schweine, die sowohl Fleisch als auch Werkstoff (Horn, Felle, Federn und Wolle) lieferten; die Werkstoffe wurden für Kleidung, Werkzeuge und das Boot benötigt, das sich unweigerlich unter den beweglichen Gütern befand. Auf dem Gehöft stand ein großes Gebäude, das bis zu einem Dutzend Personen Unterkunft bot, darunter auch zwei oder drei Sklaven, die als Bauernknechte oder als Hilfskräfte für alle anfallenden Arbeiten eingesetzt wurden. Die Hauswände waren aus Holz, Stein, Grassoden oder Flechtwerk mit Lehmbewurf erbaut - je nachdem, welches Material zur Verfügung stand.

Im Inneren des Hauses verliefen entlang den Wänden der Haupthalle Bänke. Der Sitz in der Mitte des Raumes war oft wie eine Art Ehrenthron erhöht und rechts und links von zwei Pfeilern flankiert. In den Sagas wird berichtet, daß alle Holzeinrichtungen des Hauses, vor allem die Säulen des Hochsitzes, mit Schnitzereien reich verziert waren, die oft ein geometrisches oder ein Blumenmuster und gelegentlich auch eine Gottheit, wie den beliebten Thor, darstellten. In einer solchen Halle thronte inmitten seiner Söhne und Gefolgsleute auf einem Hochsitz der bondi oder Besitzer des Bauernhofs - ein selbstbewußter, autarker Patriarch.

Eine Wikingergemeinde bestand aus einer Ansammlung von solchen Häusern, die entweder wie in einem Dorf nahe beisammen standen oder in einem Tal verstreut lagen, das von der Wasserkante bis an eine Gebirgsgrenze reichte. In jedem Fall bestand eine Gemeinde normalerweise aus einer oder mehreren Familien, die bis zu den Vettern dritten oder sogar vierten Grades miteinander verwandt waren - Leute, die alle ein und denselben Ur-Ur-Urgroßvater hatten.

Oftmals verbündeten sich mehrere benachbarten Großfamilien miteinander. Die Angehörigen eines solchen Bundes gingen gemeinsam auf die Jagd oder zum Fischen; sie hatten eine Verteidigungs- und Handelsgemeinschaft und unternahmen gemeinsam ihre nach dem Ende des 8. Jahrhunderts üblichen Raubzüge in fremde Länder. Jede Großfamilie hatte ihr Oberhaupt, den Jarl oder Grafen, und in Zeiten der Bedrängnis gingen aus den Reihen dieser Häuptlinge natürliche Führer hervor. Hier und da wurde ein solcher Führer von seinen Gefolgsleuten konugr genannt; im Altnordischen hatte dieses mit dem deutschen "König" etymologisch verwandte Wort die Bedeutung "Mann berühmter Abstammung".

 

In den Sagas wird den endlosen Fehden und dem Blutvergießen große Bedeutung beigemessen; man kann sich nur wundern, daß die Wikinger überhaupt noch genug Energien für die Bewirtschaftung ihrer Bauernhöfe hatten, vom Sammeln einer Streitmacht für die Überfälle in der Fremde ganz zu schweigen.

 

Die Waffen eines mörderischen Zeitalters:

*Axt*

"Kein Mann sollte sich je einen Schritt von seiner Waffe entfernen, denn er kann nie wissen, wann er sie vielleicht brauchen wird", heißt es warnend in einem alten Gedicht.

*Schwert und Speer*

In der gewalttätigen Ära der Wikinger hielt ein vorsichtiger Mann seine Waffen stets griffbereit, ob er als Bauer während einer Blutfehde auf der Hut sein mußte, oder ob er sich als Händler vor Überfällen oder als Herr vor seinen Sklaven fürchten mußte.

Die Nordmänner kämpften auch mit Pfeil und Bogen, zogen aber Speere, Schwerter und Äxte vor. Speere waren tödliche Waffen, und die Sagas verherrlichen die Großtaten von Speerwerfern.

So gelangte ein zum Christentum bekehrter Krieger namens Tryggvi zu immerwährendem Ruhm: Nachdem man ihn als Sohn eines Priesters verhöhnt hatte, schleuderte er mit beiden Händen einen Hagel von Speeren auf seine heidnischen Feinde und rief:

"So hat mich mein Vater die Messe lesen gelehrt!"

 

Die bedeutendsten Waffen der Wikinger waren jedoch ihre schweren Schwerter und ihre zuverlässigen Kriegsäxte, mit denen sie Schilde durchhauen und einen Mann mit einem Schlag töten konnten. Obwohl auch wikingische Waffenschmiede Stahl herstellten, stammten die besten Klingen von deutschen oder französischen Handwerkern. Diese Waffen waren als Raub- und als Handelsgut sehr begehrt; sie trugen Namen wie "Beinbeißer", "Grimmig" und "Lang-und-Scharf" und wurden über Generationen weitervererbt.

 

Die Wikinger liebten Geschichten, in denen die Helden angesichts von Widrigkeiten tapfer zur Selbsthilfe griffen. Sie johlten begeistert, wenn sie von dem alten Bonden hörten, der geprahlt hatte: "Einmal dauerte der Friede schon so lange an, daß ich fürchtete, ich könnte zu Hause im Bett an Altersschwäche sterben." Sie identifizierten sich gern mit verwegenen Gestalten wie Gunnar Hamundarson, einem der Sagahelden. Er war ein "großer und mächtiger Mann", der mit seinem Schwert so schnell zuschlug, daß es schien, "als führte er drei Schwerter auf einmal".

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