Wikinger im Reich der Franken

 

*Die Welt der Wikinger*

Teil 4

 

Wikinger im Frankenreich

 

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Beutezüge im Karolingerreich

 

Im Jahr 799, noch zu Lebzeiten Karls des Großen (742-814), ereignete sich der erste Wikingerüberfall auf das Fränkische Reich (das wegen der Herrschaft des Geschlechts der Karolinger von 751-987 auch als Karolingerreich bezeichnet wird) in Aquitanien, einem Gebiet im Südwesten des heutigen Frankreichs. Trotz einiger von Karl dem Großen angeordneten Gegenmaßnahmen, wie etwa der stärkeren Befestigung von Brücken, die die wikingischen Flotten am Eindringen in Flüsse hindern sollten, kam es in den nächsten Jahren immer wieder zu einzelnen Überfällen auf nicht oder nur unzureichend verteidigte Ziele. Schon bald kamen zu diesen Gelegenheitsangreifern auch gezielt operierende Heere. Für das Jahr 840 ist die Errichtung der ersten Winterlager im Karolingerreich bestätigt. Da die selben Heere manchmal sowohl im Frankenreich als auch in England operierten, läßt sich für die Zeit, in der diese Armeen gerade auf der anderen Seite des Ärmelkanals waren, eine Verringerung der Angriffe feststellen.

Zwar war die Reichseinheit unter Ludwig dem Frommen (814-840) noch bewahrt worden, doch nach dem Vertrag von Verdun 843, der die Aufteilung des Reiches unter den drei Enkeln Karls des Großen, Karl dem Kahlen (Westreich), Lothar I. (Mittelreich) und Ludwig dem Deutschen (Ostreich) geregelt hatte, war es zu ständigen Machtkämpfen und somit zu starker innerer Instabilität gekommen, die den wikingischen Heeren zusätzliche Vorteile verschaffte. Seit 841 operierten auf der Seine und der Loire zwei große Flotten sowie mehrere unabhängige kleinere Heere, die sich hin und wieder mit den großen zusammenschlossen.

Vor allem friesische Küstenorte auf dem heutigen Gebiet Belgiens und der Niederlande, wie Quentovic und Dorestad, waren bevorzugte Opfer von Wikingerüberfällen. Denn trotz dieser Bedrohung blühte damals der Handel (es entstanden sowohl im Frankenreich als auch in Skandinavien eine Reihe wichtiger Handelsplätze), und das in dieser Hinsicht sehr bedeutende Dorestad wurde in nur drei Jahren vier mal geplündert und niedergebrannt. In der historischen Niederschrift "Das Leben des Heiligen Ansgar" erfährt man, daß Dorestad der Ausgangspunkt für den Handel mit den damals in Spanien seßhaften Arabern war, aber auch der wichtigste fränkische Hafen für den Warenaustausch mit den skandinavischen Ländern sowie mit England. Zudem war Dorestad die bedeutendste Münzprägestätte ganz Nordeuropas zur damaligen Zeit; es versorgte Friesland und den Norden mit Geldstücken. In Skandinavien wurde eine große Anzahl von in Dorestad geprägten Silberpfennigen gefunden. Zwar wurde die Stadt trotz der wiederholten Wikingerangriffe nicht aufgegeben, doch durch eine Änderung des Rheinverlaufs wurde sie schließlich vom Zugang zum Wasser abgeschnitten und somit für den Handel bedeutungslos.

Eine dauerhafte Ansiedlung wie in England war zum Glück der Frankenherrscher allerdings meistens nicht das Ziel der Wikinger. Zwar stellten die ständigen Überfälle eine großes Problem dar, doch das Führen eines großen Eroberungskrieges wurde nicht versucht. Stattdessen raubte man reiche Klöster, Städte und Dörfer aus und transportierte das Erbeutete nach Hause, was die vielen Funde fränkischer Erzeugnisse in Skandinavien bestätigen. Die schnellen Wikingerschiffe und Pferde sorgten für eine hohe Beweglichkeit der Angreifer, so daß sie, wenn endlich ein Gegenschlag hätte durchgeführt werden können, meistens längst wieder verschwunden waren. Zudem mußten die Verteidiger fast immer zuerst Truppen aufstellen, die nicht selten aus unausgebildeten und schlecht bewaffneten Bauern bestanden und somit ohnehin kaum eine Chance gegen die kampferprobten wikingischen Krieger gehabt hätten.

Über Flüsse wie Elbe, Rhein, Seine und Loire gelangten die Flotten tief ins Landesinnere und hinterließen eine Spur der Verwüstung. Die meisten der an diesen Flüssen gelegenen Städte wurden Opfer brutaler Angriffe. Unter anderem wurde Paris mehrmals geplündert; auch Hamburg wurde 845 ausgeraubt und teilweise niedergebrannt.

 

 

Auch die Bretagne hatte unter den Wikingern zu leiden. Die keltische Bevölkerung dieses Gebietes, die sich vehement gegen die Eroberungsversuche der Franken zur Wehr setzte, war den Karolingern schon seit langem ein Dorn im Auge. Das Gebiet war zwar unter Karl dem Großen eingenommen worden, hatte sich aber nach dem Tod Ludwigs des Frommen (840) wieder von der Fremdherrschaft befreit. Zwar leisteten die Einwohner auch gegen die Überfälle der Wikinger zunächst erfolgreichen Widerstand, doch nach dem Tod ihres Anführers Alain des Großen (907) und der verstärkten Konzentration der Angreifer auf dieses Gebiet wurde die Bretagne im Jahr 914 von einer riesigen Norwegerarmee erobert. Zwar sind aus dieser Zeit keine schriftlichen Quellen vorhanden (die Geistlichen waren geflohen), doch gilt als sicher, daß diese Armee gar nicht erst versuchte, sich dort anzusiedeln. Sie scheint vielmehr eine reine Militärherrschaft eingerichtet und die Region über Jahre hinweg geplündert und verwüstet zu haben. Viele der Bewohner wurden versklavt. 939 gelang es Alain Barbetorte, dem Enkel Alain des Großen, das Wikingerheer endgültig zu besiegen und die Bretagne zu befreien.

 

Lange Zeit zeigten sich die Mächtigen im Karolingerreich unfähig, ihr Gebiet zulänglich vor den Überfällen zu schützen. Da militärische Gegenschläge meist erfolglos verliefen, versuchte man es schon bald mit Diplomatie: Im Jahr 826 erhielt der aus seiner Heimat vertriebene Dänenführer Harald einen Teil Frieslands, da man hoffte, er würde die Küste gegen die Angriffe anderer Wikinger verteidigen. Doch diese Hoffnung erwies sich als falsch: Die Insel Walcheren in der Scheldemündung wurde von Wikingern als Heeresstützpunkt genutzt und ganz Friesland mehrmals überrannt. Im Jahr 850 erhielt Rorik, der Bruder des bereits erwähnten Dänen Harald, Dorestad, um die dortigen Küsten vor Überfällen zu schützen. Zwar hielt er sich zunächst sogar an die Abmachung, doch schon wenig später führte sein Sohn Godfred selbst Raubzüge vom Rhein bis zur Loire durch (allerdings waren die betroffenen Gebiete nur relativ kurz in wikingischer Hand). Auch wiederholte Schutzgeldzahlungen halfen den Karolingern nur wenig, denn oft wurden die Vereinbarungen von den Wikingern gar nicht erst eingehalten und es kamen ohnehin ständig neue Angreifer hinzu.

Erst ab der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts, begünstigt durch die zunehmende Machtverlagerung auf regionale Oberhäupter im Frankenreich, begann man mit dem Bau von befestigten Stützpunkten und dem Aufstellen einer starken Reiterei, wodurch die Überfälle für die Wikinger mit der Zeit zu risikoreich und wenig gewinnbringend wurden. Trotzdem kam es noch jahrzehntelang zu vereinzelten Überfällen und Grenzverletzungen. Auch hatten sich die Wikinger nicht überall mit reicher Beute begnügt, sondern schufen im Norden des heutigen Frankreichs ein für den weiteren Verlauf der europäischen Geschichte enorm bedeutendes Herzogtum: Die Normandie.

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Die Normandie

 

Im Jahr 911 übergab der Frankenherrscher Karl III., auch "der Einfältige" genannt, dem norwegischen Wikingerführer Rollo (oder Rolf), der gerade mit seinem größtenteils aus Dänen bestehenden Heer im Seinegebiet plünderte, die Herrschaft über ein Gebiet im Norden seines Reiches, zwischen den beiden Flüssen Epte und Risle. Unter der Bedingung, das Land gegen die Einfälle von anderen Wikingern zu verteidigen, durften sich die Skandinavier dort ansiedeln. Zwar hielt Rollo zunächst sein Wort, doch schon nach kurzer Zeit begann er, seinen Herrschaftsbereich auf Kosten seiner Nachbarn auszuweiten. Durch die Eroberung der Halbinsel Cotentin, die Rollos Sohn Wilhelm Langschwert (seit 924 an der Macht) im Jahr 933 erfolgreich durchführte, war das gesamte Gebiet, das heute als Normandie bezeichnet wird, in skandinavischer Hand.

Die Neuankömmlinge bildeten wahrscheinlich eine neue Aristokratie in dem von ihnen besetzten Gebiet, doch auch viele skandinavische Bauern siedelten sich in der Normandie an. Es erfolgte, wie auch in England, eine rasche Eingliederung in die einheimische Kultur, was nicht zuletzt dadurch begünstigt wurde, daß die meisten der Wikinger sich fränkische Frauen nahmen, denn sie selbst brachten nur wenige mit sich. Zwar waren die ersten Einwanderer noch Heiden gewesen, was durch typische Grabfunde belegt ist, doch sie bekannten sich schon bald zum Christentum. Wie zu erwarten, beeinflußten sich auch die Sprachen der Alteingesessenen und der Neuankömmlinge gegenseitig; man kann in der Gegend der Normandie viele Ortsnamen auf skandinavische Ursprünge zurückführen. Auf diese Art entstand eine für die Normandie typische Regionalkultur.

Zwar gab es in den Anfängen der Normandie noch innere Konflikte, die 942 sogar zur Ermordung Wilhelm Langschwerts führten, doch schon bald entstand ein starker innerer Zusammenhalt. Durch das schnelle Zusammenfinden von Wikingern und Einheimischen, und da das Frankenreich mit etlichen anderen Problemen zu kämpfen hatte, fand keine erfolgreiche Rückeroberung des Gebietes statt. Im Gegenteil wurde die Macht über die Region gefestigt, und im Jahr 1006 konnte sich Richard II., der Großvater Wilhelm des Eroberers, als Herzog der Normandie bezeichnen. Die Stärke des Herzogtums wuchs immer mehr, und schon bald stellte es eine der wichtigsten Mächte in Europa dar.

Die Normannen eroberten England, erlangten die Herrschaft über Süditalien und Sizilien und gründeten nach ihrer Beteiligung am ersten Kreuzzug das Fürstentum Antiochien in Syrien

. Aufgrund ihres enormen Erfolges nahm die Normandie im mittelalterlichen Europa eine Sonderstellung ein.

 

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